Rückverfolgbarkeit: Chargen im Betrieb lückenlos nachweisen
Wer welche Charge wann verbaut hat, muss im Ernstfall in Minuten beantwortbar sein. Der Artikel zeigt die nötigen Erfassungspunkte und die üblichen Lücken.
Aktualisiert am
Rückverfolgbarkeit bedeutet, für jede ausgelieferte Einheit sagen zu können, aus welchen Vorprodukten sie entstanden ist, und umgekehrt für jede Lieferung zu wissen, in welche Aufträge sie eingeflossen ist. Nachgewiesen wird über Chargen und Seriennummern, die an jeder Station mitgeführt werden.
Rückverfolgbarkeit: vorwärts, rückwärts, intern
Drei Blickrichtungen sind zu trennen. Die Rückwärtsverfolgung beantwortet: Woher stammt das Material in diesem Erzeugnis? Die Vorwärtsverfolgung beantwortet: Wohin ist eine bestimmte Anlieferung gegangen — in welche Aufträge, zu welchen Kunden? Die interne Verfolgung verbindet beides innerhalb des Werks über Arbeitsgänge, Behälter und Zwischenlager.
Für Lebensmittel gilt in der EU die Pflicht, jeweils den unmittelbaren Lieferanten und den unmittelbaren Abnehmer benennen zu können — das Prinzip „ein Schritt zurück, ein Schritt vor“. In Automobil- und Medizintechnik verlangen Kundenvorgaben meist mehr: die Verknüpfung bis zur einzelnen Seriennummer. Welche Tiefe für einen Betrieb gilt, steht im Kundenvertrag und in den Vorgaben der Branche, nicht im Ermessen der Software.
Erfassungspunkte in Fertigung und Lager
Die Kette ist nur so gut wie ihre Knoten. Vier davon sind unverzichtbar: die Annahme mit Charge des Lieferanten, die Materialentnahme mit Zuordnung zum Auftrag, der Arbeitsgang mit Anlage und Zeitpunkt, der Versand mit Verknüpfung von Lieferschein und Packstück. Praktisch gelingt das nur, wenn die Kennzeichnung maschinell gelesen wird; Barcode und Scanner im Lager sind deshalb die Voraussetzung, nicht das Extra.
Wo Material geteilt oder zusammengeführt wird — Mischen, Umfüllen, Zusammenbau —, entsteht eine neue Charge, die auf ihre Vorgänger verweist. Genau diese Verweise bilden den Baum, den im Ernstfall jemand ablaufen muss.
Welche Angaben festgehalten werden müssen
Pro Knoten genügen wenige Felder, wenn sie verlässlich sind: Identität des Objekts, Chargen- oder Seriennummer, Menge und Einheit, Zeitpunkt, Ort oder Anlage, handelnde Person oder Gerät sowie der Bezug zum Auftrag. Prozesswerte aus der Anlage kommen dort hinzu, wo sie Teil der Qualitätsaussage sind — der Weg dafür steht in Maschinendaten über OPC UA erfassen.
Zwei Regeln entscheiden über die Belastbarkeit. Erstens: Sätze werden nie überschrieben, Korrekturen entstehen als neuer Satz mit Bezug auf den alten. Zweitens: Die Aufbewahrungsfrist richtet sich nach der Haltbarkeit oder Lebensdauer des Erzeugnisses und ist zu klären, bevor das erste Archiv anläuft.
Der Aufwand lässt sich begrenzen, indem die Tiefe je Materialgruppe festgelegt wird. Sicherheitsrelevante Teile und Zutaten werden einzeln verfolgt, Norm- und Hilfsteile in gröberen Einheiten. Wichtig ist nur, dass die Festlegung schriftlich vorliegt und nicht im Alltag stillschweigend aufgeweicht wird.
Der Ernstfall: Rückruf und Sperre
Der Test der Kette ist nicht die Auswertung im Ruhezustand, sondern die Frage unter Zeitdruck: Welche Kunden haben Ware aus dieser Anlieferung erhalten? Ein Betrieb sollte diese Abfrage regelmäßig üben, mit Stoppuhr und an einem echten Los. Was in der Übung Stunden dauert, dauert im Ernstfall Tage.
Dazu gehört die Sperre: Eine Charge muss sich in einem Zug sperren lassen, sodass Entnahme und Versand sie sofort ablehnen — auch am Terminal in der Halle, nicht nur im Büro.
Wo die Rückverfolgbarkeit im Alltag reißt
Die Kette reißt fast immer an denselben Stellen: an Restmengen, die ohne Kennzeichnung ins Regal zurückgehen; an Hilfsstoffen, die niemand als verfolgungspflichtig ansieht; an Nacharbeit, die außerhalb des geplanten Arbeitsgangs geschieht; und an Nachbuchungen aus der Erinnerung, wenn ein Terminal nicht erreichbar war. Die letzte Lücke lässt sich technisch schließen, siehe Anwendung bei Netzabbruch.
Hinzu kommt eine organisatorische Lücke, die keine Software schließt: Wenn niemand benannt ist, der im Ernstfall die Abfrage startet und die Entscheidung über eine Sperre trägt, verliert der Betrieb die ersten Stunden mit Abstimmung. Die Zuständigkeit gehört deshalb schriftlich festgelegt, mit Vertretung und mit einem Weg, die Abfrage auch außerhalb der regulären Arbeitszeit auszulösen. Geübt wird beides gemeinsam — Technik und Zuständigkeit —, sonst prüft man nur die Hälfte.
Wie wir die Kette schließen
Wir zeichnen zuerst den Weg eines Produkts mit allen Teilungen auf, markieren die Stellen ohne Erfassung und schließen sie einzeln — meist mit einem kurzen Dialog am vorhandenen Gerät statt mit einem neuen System. Die Anwendungen dafür entstehen in der Softwareentwicklung für Fertigung und Lager, die Verknüpfung mit Einkauf und Versand in der Prozessautomatisierung zwischen Halle, Lager und ERP. Abgenommen wird an der geübten Abfrage: eine Charge, ein Zug, vollständige Antwort.
Passende Leistungen
Verwandte Begriffe
Welcher Zettel wandert bei Ihnen abends ins Büro?
Nennen Sie uns den Beleg oder die Meldung, die heute von Hand übertragen wird, und das System, in dem sie landen soll. Im Gespräch sagen wir, welchen Teil davon wir als Werkvertrag übernehmen.